Denn Kullmann zählt an der Loyola University in Chicago zur Elite, verfügt im nunmehr fünften Semester über einen Notenschnitt von 3,96. Anders als in Deutschland läuft das Bewertungssystem in den USA rückwärts, der maximal mögliche Schnitt von 4,0 ist nur marginal entfernt. „Als ich mich für das Stipendiat in den Staaten entschied, hatte ich schon ein wenig Bammel, ob das mit der etwas fremden Sprache auch im Studium gut funktionieren würde“, blickt Kullmann auf die Anfangstage im August 2016 zurück. Nun darf er sich in seiner Entscheidung bestätigt fühlen. Schon sein Abitur meisterte er mit Bravour, allerdings wäre seinerzeit auch ein besserer Schnitt als 1,9 möglich gewesen, wenn er sich denn mehr auf die Schule hätte konzentrieren können. „Ich habe mein Abi auf der A 66 zwischen Frankfurt und Flieden gemacht“, sagt er scherzhaft und spielt auf seine fußballerische Ausbildungszeit bei Eintracht Frankfurt an, als er Junioren-Bundesliga spielte und gleichzeitig in Fulda zur Schule ging. Zwar war Kullmann auch bei den A-Junioren noch Stammkraft in der Abwehrkette, doch die ganz große Karriere schien ihm verwehrt zu bleiben. Deshalb entschied er sich für das BWL-Studium mit Fachrichtung Finanzen in Chicago, wo er gleichzeitig auf hohem Niveau Fußball spielen kann. Und beides funktioniert, wobei die Fußballsaison ein äußerst unglückliches Ende fand. Denn im Conference-Finale unterlag der gesetzte Linksverteidiger mit den Loyola Ramblers mit 1:2 gegen Central Arkansas. Bereits in der regulären Saison lief sein Team knapp hinter dem Finalgegner ein und musste im Endspiel vor allem mit dem Schiedsrichtergespann hart ins Gericht gehen: „Über das angebliche Foul an Raheem Sterling von Manchester City hat sich die Fußballwelt vor zwei Wochen kaputtgelacht und uns passiert dasselbe. Der Gegner tritt in den Boden, fällt hin und bekommt einen Elfmeter, obwohl unser Torwart noch drei Meter weg gewesen ist“, erklärt Kullmann jene Situation, die seinem Team womöglich den Titel gekostet hat. „Wenn wir da nicht 0:1 in Rückstand geraten, endet die Partie vielleicht ganz anders“, glaubt der 21-jährige gebürtige Hauswurzer, der deswegen auch die NCAA-Championships verpasste, die beispielsweise der Eiterfelder Hendrik Hilpert mit seinem Team erreichen konnte. Die NCAA-Championships sind nicht weniger als die amerikanischen College-Meisterschaften. Zu gerne wäre Kullmann dieses Jahr schon dabei gewesen und hat sich schon jetzt zum Ziel gesetzt, diese in seiner kommenden letzten Saison in den Staaten zu erreichen.
Karriereende mit 22? "Das ist Wahnsinn"
Denn im Gegensatz zu Hilpert will Kullmann nach Beendigung des Studiums zurück nach Deutschland, strebt einen Job in einem international ausgerichteten Unternehmen an. „Auch weil ich weiterhin Fußball spielen will. Ich empfinde es als Wahnsinn, wenn talentierte Spieler mit 22 Jahren ihr Karriereende feiern, weil in den USA kein Breitensportangebot vorhanden ist.“ Und auch Kullmann ist noch nicht einmal im besten Fußballalter angekommen, muss aber zugeben, dass die Verschleißerscheinungen in den USA schneller vonstattengehen. „Das Tempo ist riesig und gerade für mich als Verteidiger ist es manchmal hart, weil ich meist durchspiele, aber alle 20 Minuten gegen frische Kräfte ran muss.“ Die College-Teams dürfen wie hierzulande in den untersten Jugendaltersstufen fliegend wechseln, was die Coaches insbesondere dafür nutzen, ständig frische Offensivkräfte zu bringen, während in der Verteidigung kaum gewechselt wird. Kullmann ist topfit und muss dennoch in jedem Spiel seine körperlichen Grenzen ausloten. In der abgelaufenen Saison funktionierte das so gut, dass er gleich zwei persönliche Titel einheimste, die jeweils Studienleistungen und das sportliche Wirken miteinander verknüpfen. Was ihm hingegen nicht schmeckt, ist der Tabellenplatz seines Stammteams. „Nach dem Saisonstart hätte ich nicht gedacht, dass wir jetzt da stehen, wo wir stehen. Aber ich bin im ständigen, mit manchem Spieler fast täglichem Kontakt und weiß, dass das Team intakt ist und die Wende noch schaffen kann“, beurteilt Kullmann die Situation im Fliedener Königreich aus der Ferne. Ab Mai könnte er zumindest wieder für ein paar Spiele aushelfen, bevor er ein vorerst letztes Mal in die USA aufbrechen wird. „Aber noch hatte ich keinen Kontakt mit dem neuen Trainer Zlatko Radic, was ja aber auch nicht schlimm ist, weil er sich zunächst einmal ein Bild von den Spielern machen muss, die ihm auch zur Verfügung stehen“, sagt Kullmann und fügt an, „dass ich natürlich Gewehr bei Fuß stehen würde, schließlich ist Buchonia Flieden mittlerweile auch mein Verein.“