Lutz Wagner über Kritik, Druck und Qualität

"Dafür gibt's auch Schmerzensgeld"

12.01.2018

Im letzten Teil unserer Schiedsrichter-Serie haben wir mit dem ehemaligen hessischen Spitzenschiedsrichter Lutz Wagner über die Qualität der derzeitigen Schiedsrichter, Kritik und Druck gesprochen.

Die Wahrnehmung der Schiedsrichter hat sich auf oberstem Niveau spätestens seit dem Videobeweis zunehmend verändert. Warum?

Die Testphase des Video-Beweises hat mit Sicherheit auch Auswirkungen auf das Bild des Schiedsrichters in der Öffentlichkeit. Auch wenn einige Kritikpunkte unberechtigt sind beziehungsweise die Schiedsrichter selbst gar nicht betreffen. Doch für uns alle gilt umso mehr die eigenen Hausaufgaben zu machen. Man muss allerdings aber auch berücksichtigen, dass es sich hierbei nur um neun Spiele an einem Wochenende in Deutschland handelt. Über 60.000 Spiele finden jede Woche auf den Ebenen darunter statt und sind aber überhaupt nicht betroffen. Zudem ist die Nachbetrachtung durch Zweit- und Drittverwerter nochmals gestiegen. Als Bundesliga-Schiedsrichter kannst du dir heute erst ab Mittwochmorgen der darauffolgenden Woche, wenn alle Sendungen der Zweit- und Drittverwerter gelaufen sind, sicher sein, dass nichts mehr ausgegraben wird. Da liegt ein weiterer großer Unterschied gegenüber des Amateurfußballs.

Ein immenser Druck für den Schiedsrichter, der sich dann auch noch knallharten Noten wie im Kicker stellen muss…

Durch die mediale Nachbetrachtung gehen die Diskussionen ellenlang weiter. Doch das ist auf dieser Ebene einfach der Lauf der Zeit. Da seziert man die Szenen haarklein, aber das weiß ich, wenn ich mich in dem Geschäft bewege und damit muss ich auch klarkommen. Wobei die Noten gar nicht mehr so schlecht sind. Die Schiedsrichter sind in der Durchschnittsnote immer noch besser als die Feldspieler. Und wenn mal einer eine 5 kriegt, dann ist es eben so. Dadurch wird keine Schiedsrichter-Karriere zerstört. Entscheidend ist die Einschätzung des offiziellen Schiedsrichtercoaches, die Kicker-Note lässt sich dann mit Sicherheit gut ertragen. In diesem Fall ist der gestiegene Verdienst dann auch ein Schmerzensgeld.

Sind die Schiedsrichter schlechter geworden? Oder wird nur genauer hingeschaut?

Ich glaube, dass die Schiedsrichter keinesfalls schlechter geworden sind. In den vergangenen zwei Jahren haben sieben Bundesliga-Schiedsrichter aufgehört und davor in den Jahren auch einige. Es hat ein Generationswechsel stattgefunden. Jetzt haben wir sehr viele junge, aber auch sehr viele gute Leute und ich bin überzeugt, dass sie in ein paar Jahren mit der entsprechenden Sicherheit von mehr Spielen dann genau das verkörpern, was früher ein Stark, Meyer, Weiner oder Kircher verkörpert haben. Leute, die alle gefühlt 20 Jahre Bundesliga auf dem Buckel hatten. Diese Ruhe und Sicherheit kann ich aber nicht verlangen, wenn jemand ein halbes Jahr Bundesliga gepfiffen hat, die können noch nicht die Ruhe eines Knut Kircher ausstrahlen.

Zeit ist also das Stichwort?

Genau. Das Problem ist aber, dass die Medien oftmals keine Zeit geben und nur sagen: Das war falsch. Aber da muss man durch und wenn ein junger Schiedsrichter da durchkommt, dann wird er auch ein guter. Intern heißt es für mich als Coach der Schiedsrichter, dass ich den Jungs das Vertrauen geben muss, dass sie wissen, dass jemand hinter ihnen steht, dass sie unterstützt werden, dass man an ihnen festhält und mit ihnen plant und arbeitet. Das ist ja bei einem Spieler ganz genauso: ein 20-Jähriger besitzt auch nicht die Ruhe am Ball wie ein 30-Jähriger.

Sie sprechen die mediale Kritik an. Was ist für Sie persönlich wichtige und richtige Kritik gewesen?

Unwichtig ist die unsachliche und emotionale Kritik von einem Fan, der vielleicht fünf Schoppen drin hat und die von denen, die nur mitjohlen, ohne überhaupt zu wissen, was letztendlich richtig ist. Diese Kritik musst du dir nicht zu Herzen nehmen. Ich sage den jungen Leuten: Vertraue auf dein Gefühl. Wenn dir von jemandem Kritik wehtut und Lob besonders gut, dann ist es jemand, den du wertschätzt. Kritik war für mich immer wichtig, wenn sie einerseits sachlich und vor allem aber auch fachlich ist – wenn sie also auch weiterbringt und vielleicht sogar einen Verbesserungsvorschlag beinhaltet. Also sachlich, fachlich, aber nicht emotional, dann kann das schon wehtun. Aber man nimmt sie sich zu Herzen und sie sollte auch etwas bewirken. Von einem Fan, der gerade 0:1 verloren hat, kann ich das nicht immer erwarten.

Gerade als junger Schiedsrichter ist man schnell Kritik ausgesetzt. Wie kann dem entgegengewirkt werden?

Es wird mittlerweile flächendeckend ein Patenprogramm eingeführt. Der junge Schiedsrichter pfeift ein Spiel, muss sich von den Eltern wer weiß was anhören. Damit alleine klarkommen ist verdammt schwer. Und jetzt ist jemand dabei, der ihn ein wenig schützt und vielleicht auch mal zu den Eltern geht, wenn’s ein bisschen zu wild wird, aber danach auch mit ihm die Dinge aufarbeitet. Das Patenprogramm bietet Orientierung – und die brauchen gerade Neulinge.

Das Ziel ist dementsprechend, dass weniger Neulinge schnell aufgeben...

Wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass uns die meisten Schiedsrichter im ersten halben Jahr wieder verlassen – bevor sie überhaupt richtig dabei sind. Sie haben noch nicht das dicke Fell. Sie pfeifen das zweite Spiel und werden übelst kritisiert und beschimpft. Man weiß ja, wie Eltern oftmals sind. Und dann hört dieser Neuling auf, obwohl er vielleicht ein richtig Guter geworden wäre. Davor muss man den jungen Schiedsrichter schützen.

Angenommen, der Schiedsrichter bleibt dran. Wie entwickelt er sich sinnvoll weiter?

Man entwickelt sich nicht weiter, wenn man nur daran denkt, wo einer was angeprangert hat. Manchmal schießt man einen Riesenbock, aber es passiert nichts, weil der Ball ins Aus geht und niemand will was. Wenn du vorankommen willst, dann beschäftigst du dich mit dem Fehler unabhängig von der Wirkung. Weil beim nächsten Mal vielleicht nicht das Glück Pate steht und der Ball nicht ins Aus geht, sondern im Gegenangriff das spielentscheidende Tor fällt. Schon hat man einen riesen Aufschrei. Deswegen ist es so wichtig, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Selbst wenn alle sagen, dass das prima war, muss man für sich analysieren und sagen: Mensch, da hatte ich zwar Glück, aber da muss ich trotzdem dran arbeiten.

Und dann nimmst du als Schiedsrichter auch eine Menge fürs Leben mit…

Genau richtig. Man beschäftigt sich mit Konflikten, muss für eine gute Sache eintreten. Im Prinzip will man dem, der sich an die Regeln hält, Recht verschaffen. Man hat was Gutes im Sinn, muss Widerstände überwinden, muss sich einerseits unterordnen und andererseits behaupten können. Was in 90 Minuten passiert, passiert im „normalen“ Leben in einer wesentlich längeren Zeitspanne. Wenn man was vor 80.000 im Bundesliga-Stadion durchbringt, bringt man das auch vor acht oder zehn Leuten durch. Das ist eine Schule fürs Leben.

Was würden Sie also letztendlich einem 14-Jährigen sagen, warum sich die Schiedsrichterei lohnt?

Unabdingbar sind Neugierde und Grundbereitschaft. Wer angefangen hat, braucht dann auch eine gewisse Nachhaltigkeit, eine gewisse Zähigkeit, darf nicht bei den ersten Niederschlägen aufgeben. Denn es wird sich lohnen. Und im Nachhinein, das wird jeder Schiedsrichter bestätigen, denkt man an die vielen positiven Erlebnisse. Wenn man einen älteren Schiedsrichter fragt, sagt der meist: „Mensch, was ich alles erzählen könnte. Wo ich war, was ich für Menschen kennengelernt habe. Es waren tolle Begegnungen, ich könnt’ ein Buch schreiben.“

Zur Person:

Lutz Wagner (54) ist seit 1971 Schiedsrichter des SV 07 Kriftel. Von 1994 bis 2010 leitete er 197 Bundesligaspiele, kommt in Summe auf 450 Profispiele. Seit 2010 ist er Leitender Koordinator des DFB für Regelauslegung und Umsetzung von den Bundesligen bis zur Basis und gleichzeitig Leiter der Nachwuchs- und Talentförderung in Deutschland. Er tritt als professioneller Redner in Firmen wie Verbänden auf und wurde dafür auch ausgezeichnet. Der verheiratete Familienvater engagiert sich auch sozial: Als Fair-Play-Botschafter des „Deutschen Fußballbundes“, als Toleranzbotschafter im „Hessischen Fußballverband“ und für „Ballance Hessen“ und als Förderer der „Fußball Academy“ sowie der „Leberecht-Stiftung".

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