Hadamars Jonas Herdering ist Bäcker

Eine Stunde Schlaf reicht für die Hessenliga

Jonas Herdering ist ein Schaffer – alsbald nur noch in der Backstube. Foto: privat

„Mach' ein ordentliches Abi, dann hast du es später leichter als wir.“ Eine Ansage der Eltern, die so mancher Teenager nicht ganz ernst nimmt. Jonas Herdering, Kapitän von Hessenligist Rot-Weiss Hadamar, nahm sie ernst – und folgt ihr dennoch nicht.

Was Herderings Eltern ihrem Sohn vermitteln wollten? Im Familienunternehmen, einer mittelständischen Bäckerei mit 25 Mitarbeitern, rackern sie sich ab – Tag für Tag. Da sollte es der Sohn mal besser haben. Jonas baute sein Abitur mit einem Schnitt von 1,4 und schrieb sich anschließend in Mainz für Wirtschaftswissenschaften ein. Dem Wunsch der Eltern kam er nach. Doch nicht allzu lange. Herdering, von Kindesbeinen an in der Backstube zu Hause, entschied sich, das Studium abzubrechen und eine Bäcker-Lehre zu absolvieren. In Rekordgeschwindigkeit legte er die Gesellenprüfung ab und machte seinem Vater klar, dass er das Familienunternehmen übernehmen wird. Im Sommer 2022 erfolgt der Wechsel. Dann ist er 30 Jahre alt.

Und was Herderings Eltern mit „leichter haben“ ebenfalls meinten, ist beim Berufsbild eines selbstständigen Bäckers offensichtlich. Nachtschicht ist das täglich Brot. Besonders heftig ist der Freitag, da startet Herdering um 20.30 Uhr und ist oft erst um 7.30 Uhr fertig. In dieser Zeit produziert er aberdutzende Brote und Brötchen. Alles selbstgemacht. Darauf ist er stolz. Davon hebe sich „seine“ Bäckerei von der Konkurrenz ab. Etwas teurer als die Ketten, dafür mit treuer Kundschaft. Kalkuliert Herdering die Preise, hilft ihm das Studium wenig. Zu abstrakt sei das gewesen, um es tatsächlich auf ein kleines Unternehmen mit zwei Filialen und einem Café anzuwenden. Dass ehrliches Handwerk gleichermaßen ein hartes Brot ist, will Herdering nicht abstreiten. Bereut hätte er seinen Schritt bislang keine Sekunde.

Wenngleich gerade samstags Stresszeit ist. Die Nachtschicht ist Auftakt in die wahrscheinlich ungewöhnlichste Spielvorbereitung in der Hessenliga, schließlich bleibt nur noch Zeit für ein kurzes Schläfchen, bevor es losgeht. Oft startet der Tross bereits um 10 Uhr zu den weiten Auswärtsfahrten, nach Hünfeld sind es beispielsweise 200 Kilometer. Herdering hat zuvor einen Knochenjob erledigt, fast keinen Schlaf bekommen und für die Teamkollegen Kuchen und belegte Brötchen im Gepäck.

Angeln, Skat und ein Labrador

Die Leistung leidet darunter nicht, sagt er. Im ersten halben Jahr habe er sich daran gewöhnen müssen, doch das ist längst Geschichte. Herdering schläft zweimal am Tag, kommt insgesamt mit fünf Stunden hin. Und samstags mit noch weniger. Zeit zum Feiern? Die gibt es kaum. Herdering schuftet, wenn die Partys steigen. Zum Ausgleich geht er Angeln, spielt ab und an Skat mit den Kumpel und verbringt viel Zeit mit seinem Labrador.

Mehr wird das in naher Zukunft nicht. Spätestens wenn er die Geschäfte übernimmt, das weiß er, wird er gar die Fußballschuhe an den Nagel hängen (müssen). Vielleicht schon in diesem Sommer. Weder zu- noch abgesagt hätte er den Rot-Weißen, für die er seit sieben Jahren spielt und auf dem Feld als Chef auftritt. Er erteilt die Kommandos im Mittelfeld, besticht als Torschütze und Assistgeber. Corona hätte ihm gelehrt, dass der Verzicht schmerzlich, aber verkraftbar ist.

Mit Hadamar wurde er gleich in seiner ersten Saison Dritter, später stand er mit der Mannschaft im Hessenpokal-Finale gegen Wehen. Dort verballerte ausgerechnet er den letzten Elfmeter. Genagt hätte das nur ein paar Tage, beteuert er heute. Vielmehr überwog der Stolz, den Drittligisten an den Rande einer Niederlage gedrängt zu haben.
Genau dieser Elfmeter, dieses Spiel, vermittelt, wie Herdering tickt. Dass er selbstbewusst ist und gleichermaßen weiß, was er will. Kein Träumer. Ein Schaffer. Bald nicht mehr auf dem Platz, sondern nur noch in der Backstube.