KOL Frankfurt: Rissling dreht Spiel
Wenn sich der Trainer selbst einwechselt
Trainer Artur Rissling (links) lässt sich mit dem eigentlichen Torjäger Daniel Wolf das Bier schmecken. Foto: SV Viktoria Preußen.
Abstiegskampf in der Kreisoberliga Frankfurt: Platz 13 gegen 17. In der nach zwei coronabedingten Saisonabbrüchen mit 19 Vereinen aufgeblähten Spielklasse wird es mindestens drei Absteiger geben, maximal kann es sogar sechs Clubs treffen. Die Personallage bei beiden Clubs war mal wieder angesichts von verletzungsbedingten Ausfällen und Absagen so angespannt, dass sich beide Trainer samt ihrer Assistenten auf den Spielberichtsbogen setzen ließen. Eigentlich nur pro forma, denn mit einem Einsatz hatten beide Coaches nicht wirklich gerechnet. Doch dann entwickelte sich das Spiel nach einer 1:0-Führung der Gastgeber in die andere Richtung. Weiss-Blau, mit gerade einmal sieben Punkten tief im Abstiegssumpf steckend, machte in 20 Minuten vier Tore und lag in der 53. Minute mit 4:1 scheinbar sicher auf der Siegerstraße. Und das obwohl die Gastgeber in den ersten 25 Minuten laut Trainer Artur Rissling „den besten Fußball in dieser Saison“ spielten.
Aber nach dem Ausgleich kam ein Bruch im Spiel der Gastgeber, „vielleicht aus Unsicherheit, weil wir die letzten Spiele verloren haben.“ Nach dem besagten 1:4-Zwischenstand „waren wir klinisch tot, Weiss-Blau war klar besser. Ich habe gedacht, wir verlieren 5:1 oder 6:1.", so Rissling. Das Traumtor von Leander Kruse aus 30 Metern in den Winkel zum 2:4 war die Initialzündung zur unglaublichen Aufholjagd. Nach dem 3:4 wechselte sich Rissling dann selbst ein und stellte das System auf 4-4-2 um. Gemeinsam mit dem eigentlichen Torjäger Daniel Wolf, der zuvor zwei Riesenchancen vergeben hatte, spielte der 47-jährige Rissling im Sturm. Bei der ersten Aktion flankte Wolf nach innen, Rissling hielt den Fuß hin und es stand 4:4. Dann gab es Ecke für die Preußen, die Wolf hereinbrachte (Rissling: „Daniel hat noch nie eine Ecke getreten.“) und Rissling köpfte das 5:4.Danach wechselte sich der Coach wieder aus, stellte das System wieder um und dann wechselte sich plötzlich auch noch Weiss-Blau-Trainer Jamal Er-Rjah ein, der einen Freistoß über das Tor schoss.
Daniel Wolf spielte in jungen Jahren Hessenliga
"Ich habe mich umgeschaut und außer meinem Co-Trainer Nils Benecke keinen mehr auf der Bank gesehen", so Er-Rjah schmunzelnd. Rissling, im Frankfurter Kreis einst ein gefürchteter Stürmer, der beim damaligen Verbandsligisten FC Kalbach spielte, wollte die Geschichte eigentlich nicht so sehr an die große Glocke hängen. Doch noch während der Aufnahme seiner wöchentlichen Sprachnotiz bemerkte er in Richtung des Berichterstatters: "Ja, das ist ein Highlight. Wie Du das schreibst, ist deine Sache." Mit seinem Torjäger Daniel Wolf, in jungen Jahren Hessenliga-Stürmer (SV Wehen Wiesbaden II, Spvgg. Oberrad) verbindet ihn aus Gruppenliga-Zeiten beim 1. FC Oberstedten eine große Freundschaft. Eigentlich wollten die Preußen, die 2014 letztmals Gruppenliga spielten, in dieser Saison unter die ersten fünf. Doch nun gilt es erstmal, sich trotz angespannter Personallage und fehlendem Unterbau durch die Abmeldung der Zweiten Mannschaft, sich von der Abstiegszone abzusetzen.
Die Wahrscheinlichkeit, auch in den kommenden Spielen zum Einsatz zu kommen, ist für Rissling durch die Rote Karte gegen den besten Torschützen Giuliano Amante zumindest nicht geringer geworden. Bei den Gästen, in den letzten Jahren eine typische Fahrstuhl-Mannschaft, glaubt Coach Er-Rjah trotz der Misserfolge weiter an sein Team: "Erst wenn es rechnerisch nicht mehr möglich ist, geben wir auf." Der Kader des im Stadtteil Niederrad ansässigen ehemaligen Allianz-Vereins rekrutiert sich aus vielen Medizin-Studenten beziehungsweise Mitarbeitern im anliegenden Krankenhaus. Im vergangenen Jahr musste das gesamte Team zweimal in Corona-Quarantäne. Für viele Spieler wie Torjäger Ruben Balthasar ist das berufliche Fortkommen logischerweise wichtiger. "Ich warte auf den Tag, dass Ruben mir sagt: Trainer, ich bin wieder dabei. Dann haben wir vorne einen Mann, der jedes Spiel Tore machen kann", so seine Hoffnung.