Pflanz im Interview

"Den gestrigen Erfolg dankt dir niemand"

28. Mai 2021, 08:08 Uhr

Markus Pflanz spricht im Interview über sein erstes Jahr im Profifußball – die Erfolge und Herausforderungen gleichermaßen bereithielt. Foto: Charlie Rolff

Vor fast einem Jahr wurde Markus Pflanz Co-Trainer beim KV Oostende. Mit dem belgischen Erstligisten hat der 45-Jährige in seiner Debütsaison alle Erwartungen übertroffen. Bei uns blickt der Langenschwarzer zurück und voraus.

Ihre erste Saison im Profifußball ist vorüber. Was bleibt besonders hängen?

Am schönsten ist es, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Es macht mir viel Spaß, mit den Spielern zu arbeiten und diese weiterzuentwickeln. Ich persönlich konnte zudem viel von Chefcoach Alexander Blessin und Torwarttrainer Eberhard Trautner, die schon einiges erlebt haben, dazulernen. Der Profi- und der Amateurfußball sind zwei verschiedene Welten, und ich bin froh, dass ich meine Ideen und Vorstellungen einbringen kann.

Der KV Oostende war in Belgien die große Überraschungsmannschaft, verpasste in den Playoffs nur knapp den Sprung nach Europa. Was hat zur perfekten Saison gefehlt?

Die Breite im Kader. Aus dem ersten Playoff-Spiel sind wir bereits mit verletzten Spielern rausgegangen – und diese können wir nicht so kompensieren wie ein Verein wie Gent, dessen Kader einen vierfachen Wert besitzt.

Wird es überhaupt möglich sein, die abgelaufene Saison zu toppen?

Es wird sehr schwer werden. Viel hängt davon ab, wie der Kader aussehen wird. Es gibt einige Spieler, die sich ins Schaufenster gespielt haben.

Trainer Alexander Blessin wurde zu Belgiens Trainer des Jahres gekürt und scheint ebenfalls begehrt. Wie fühlt es sich an, wenn der eigene berufliche Weg so eng an das Schicksal eines anderen geknüpft ist?

Meine Dankbarkeit ist sehr groß. Es ist nicht selbstverständlich, dass Alex jemanden aus einem Amateurverein in eine solche Position geholt hat. Ich habe schon vor der Saison gesagt: Wenn es in Oostende schiefgehen sollte, dann war das für mich nur ein sehr kurzer Ausflug in den Profifußball. Jetzt könnte Alex ein riesengroßer Türöffner sein. Es kann immer in beide Richtungen ausschlagen. Aber klar ist: Die gestrigen Erfolge dankt dir am Ende niemand mehr.

Würden Sie versuchen, bei einem Ende der Profireise in Ihre alte Stelle beim Finanzamt zurückzukehren?

Es fällt mir momentan schwer, sich das vorzustellen, wenngleich ich es nicht ausschließen würde. Ich habe den Job gerne gemacht, die IT ist neben dem Fußball ein zweites großes Hobby. Aber ich könnte gar nicht beantworten, ob ich einfach so in die alte Stelle zurückkehren könnte, nachdem ich im vergangenen Sommer ausgeschieden bin.

Wie hat sich die Entfernung zu Frau Nicole und Sohn Johannes ausgewirkt?

Das Privatleben hat ein bisschen gelitten. Natürlich gibt es auch mal schlechte Zeiten, wenn Nicole zurückbleiben, sich um sämtlich anfallende alltägliche Dinge kümmern muss und ich 570 Kilometer entfernt lebe. Mit dem Telefon kann man nicht alles regeln. Ich bin ihr sehr dankbar, das alles ist nicht selbstverständlich. Aber wenn meine Familie mal in Oostende war, hat es ihr immer sehr gut gefallen.

Welche Veränderungen haben Sie sonst in Ihrem Leben festgestellt? Gibt es jetzt deutlich mehr Menschen, die sich bei Ihnen melden?

Das ist nicht der Fall. Meine Kumpel melden sich eher weniger, weil sie denken, dass sie mich stören würden – was übrigens totaler Quatsch ist.

Beschreiben Sie mal einen Ablauf Ihres normalen Tages.

Ich bin zehn bis zwölf Stunden im Trainingszentrum. Einige Einheiten leite ich selbst, um Standards kümmere ich mich komplett. Dazu schaue ich mir in der Woche ein Spiel vom Gegner an, um unseren Analysten zu unterstützen. Ich beschäftige mich eigentlich den ganzen Tag mit Fußball, außer wir machen mal eine Pause in Form von Tischtennis, Kicker, Darts oder Playstation. Das ist genauso eine gelungene Abwechslung für die Spieler, und sie hängen dadurch deutlich weniger an ihren Handys.

In der FIFA-Weltrangliste steht Belgien seit vielen Monaten auf Platz eins, bringt immer wieder Top-Spieler in die großen Ligen. Weniger prominent ist die belgische Liga: Gibt es etwas, das sie an ihr ändern würden?

Die Belgier sind lockerer als wir Deutsche und weniger strukturiert und organisiert. In ihrer Liga schauen sie, was andere Länder machen – und so haben sie die Playoffs eingeführt, weil es die Niederlande ebenfalls mal gemacht hat. Diese Playoffs bei einer 18er-Liga würde ich abschaffen.

Und was stört sie am Land Belgien an sich?

Ich würde mir wünschen, dass man das Tempolimit von 120 auf den Autobahnen aufhebt.

Halten Sie es für vorstellbar, jemals wieder in Osthessen eine Mannschaft lauter Feierabendspieler zu trainieren?

Das fällt mir doch sehr schwer. Im Amateurfußball kämpfst du mit Widrigkeiten, die es im Profifußball nicht gibt. In Osthessen bist du Animateur, um die Spieler ins Training zu bekommen. Hier kannst du wirklich Trainer sein.

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