Seligenstadt zieht trotz Rang acht zurück

Rückblick: Vorstand zieht wirtschaftliche Reißleine

22. Juni 2017, 09:58 Uhr

15 Tore waren für Kouami Edem Dalmeida eine gute Empfehlung für seinen neuen Verein SC Waldgirmes. Foto: Patrick Scheiber.

Die Sportfreunde Seligenstadt bewiesen auch in der vergangenen Hessenliga-Saison ihre sportliche Ligatauglichkeit. Trotz einer soliden Runde und dem zufriedenstellenden achten Platz in der Abschlusstabelle treten die Einhardstädter in der kommenden Saison zwei Klassen tiefer in der Gruppenliga Frankfurt Ost an. Der Vorstand zog im Mai angesichts der hohen Kosten in der Hessenliga nach wochenlangem Hin und Her die Reißleine und zog das erfolgreiche Team zurück.

Saisonverlauf

Vom ersten bis zum letzten Spieltag bewegte sich die Mannschaft von Trainer Lars Schmidt im gesicherten Mittelfeld zwischen Rang sechs und elf. Dabei verlief der Saisonstart für die Sportfreunde wechselhaft. An einem heißen Juli-Abend reisten die Seligenstädter zum Erzrivalen FC Bayern Alzenau und erkämpften sich auf "bayerischem Territorium" nach einem frühen 0:2-Rückstand noch ein 2:2-Unentschieden. Bis Anfang Oktober wechselten sich Siege und Niederlagen in regelmäßigen Abständen ab, bis Mitte Oktober bis Ende Oktober drei Remis in Folge zu Buche standen. Danach ging es für die Schmidt-Schützlinge mit sieben Punkten aus drei Spielen weiter voran, bevor mit der 0:1-Niederlage gegen Schlusslicht Viktoria Urberach vor eigenem Publikum der sportliche Tiefpunkt erreicht wurde. Auch nach der Winterpause konnte Seligenstadt konstant Punkte einfahren und fünf von zwölf Spiele für sich entscheiden. Höhepunkt war dabei der 4:0-Heimsieg gegen Meister SC Hessen Dreieich. Zusätzlich erwiesen sich die Sportfreunde Seligenstadt als Pokalmannschaft und verteidigten ihren Titel als Pokalsieger des Kreises Offenbach mit dem spektakulären 7:4-Sieg nach Verlängerung (nach 0:3-Rückstand) gegen Hessen Dreieich auf neutralem Platz in Heusenstamm. Im Hessen-Pokal drang das Team von Ex-Profi Lars Schmidt bis in das Halbfinale vor und warf dabei im Achtelfinale die großen Offenbacher Kickers nach Elfmeterschießen aus dem Wettbewerb. Erst im Halbfinale war der große Traum von der Teilnahme am DFB-Pokal durch das Ausscheiden im Elfmeterschießen gegen Ligakonkurrent Rot-Weiß Hadamar ausgeträumt.

Trotz der sportlichen Erfolge bewegte sich das Zuschaueraufkommen an der Aschaffenburger Straße zwischen 150 und 250 Zuschauern. Bereits in der Winterpause war die Mannschaft über die Rückzugspläne des Vorstandes eingeweiht worden. "Die Mannschaft ist charakterlich einwandfrei aufgetreten und hätte in der kommenden Saison auch trotz Abgängen eine gute Rolle in der Hessenliga gespielt", bedauerte Lars Schmidt nach dem Kreispokal-Sieg die Entscheidung des Vereins. Bis zum 15. Mai waren beide Optionen möglich, der Spielausschuss-Vorsitzende Hermann Deutschbein sendete in regionalen Medien Signale für einen Verbleib in der Hessenliga mit abgespecktem Etat. Abteilungsleiter Sven Kittler wiederum berief eine große Vereinssitzung ein, um das Pro und Contra gegeneinander abzuwiegen. Letztlich fiel die Entscheidung gegen die Hessenliga aus, was Kittler so begründete: „Ja, es ist auch eine finanzielle Entscheidung, aber nicht weil die Sportfreunde ‚pleite‘ sind, wie manche zu wissen glauben, sondern aus der Tatsache heraus, dass der Finanzplan für einen solch relativ kleinen Verein stets mit spitzer Feder geschrieben und nur mit sehr hohem organisatorischem und persönlichem Aufwand realisierbar war und für die Zukunft nicht weiter garantiert werden kann.“ Somit beendeten die Seligenstädter nach fünf Jahren das Kapitel Hessenliga, um sich in der Gruppenliga eine "Atempause zu gönnen, um sich auf das wesentliche konzentrieren zu können" (Kittler).

Zahlen und Fakten

In 32 Partien konnte Seligenstadt 44 Punkte holen und durfte zwölf Siege bejubeln. Da es aber auch zwölf Niederlagen gab und acht Punkteteilungen fällt die Gesamtbilanz ausgeglichen aus. Daheim waren die Seligenstädter mit 24 Punkten gegenüber den eingefahrenen 20 Auswärtszählern etwas besser. Sowohl in der Heim-, als auch in der Auswärtstabelle belegt Seligenstadt mit Rang neun respektive platz acht einen Mittelfeldplatz. Gleich in vier Spielen durften die Sportfreunde Siege mit vier Toren Differenz feiern: 5:1 in Urberach, 5:1 gegen Rot-Weiß Darmstadt, 4:0 gegen den FC Ederbergland und 4:0 gegen Hessen Dreieich. Die Rückrunde war mit 25 Punkten insgesamt wesentlich konstanter als die mit 19 Zählern abgeschlossene Hinserie. Die höchsten Niederlagen gab es in zwei Spielen. Jeweils mit 1:4 zogen die Einhardstädter gegen Bayern Alzenau und bei Rot-Weiss Frankfurt den Kürzeren.

Torjäger und Einsatzminuten

In der gesamten Saison erzielte Seligenstadt 57 Tore. Mit seinen 15 Toren ist Kouami Edem Dalmeida dabei interner Torschützenkönig geworden. Gefolgt von Carlos McCrary, der neunmal erfolgreich vor dem gegnerischen Tor war. Allerdings zeigte sich McCrary insgesamt effektiver, da der US-Amerikaner alle 134 Minuten ins Schwarze traf und darüber hinaus weite Teile der Rückrunde mit einer Schulterverletzung ausfiel. Dalmeida brauchte dagegen 141 Minuten im Schnitt für jedes seiner 15 Tore. Treffsicherster Mittelfeldspieler ist Jan Hertrich, der fünfmal einen eigenen Torerfolg bejubeln durfte. Nur zwei Spieler wurden von Lars Schmidt in allen 32 Hessenliga-Partien eingesetzt. Nikola Mladenovic war dabei mit einer Spielzeit von 2786 Minuten der präsenteste Akteur der Saison, dicht gefolgt von Kapitän Michele Piarulli mit 2748 Minuten. Am wenigsten eingesetzt wurde Ersatztorwart Marius Heinlein, der im Gastspiel bei Rot-Weiss Frankfurt für den am Kopf verletzten Stammtorhüter Daniel Duschner eingewechselt wurde.

Gelbe Karten und Platzverweise

In der Fairnesstabelle belegte Seligenstadt Rang fünf. 78 Gelbe Karten und zwei Gelb-Rote Karten wurden gegen die Sportfreunde verhängt. Die einzige Rote Karte wurde Routinier Tobias Leis beim Gastspiel in Hadamar (1:2) kurz vor Weihnachten unter die Nase gehalten. Der Spieler hatte sich nach dem Abpfiff bei Schiedsrichterin Sabine Stadler vehement beschwert.

Wechsel

Nur Tobias Leis und Markus Willand haben ihre Zusage für die kommende Saison beim Hessenliga-Rückzieher gegeben. Eventuell bleiben noch Christoph Stephani und Philipp Hochstein. Nicht nur Trainer Lars Schmidt, der ehemalige Bundesligaspieler des Karlsruher SC, sondern auch der Großteil des bisherigen Kaders stehen den Sportfreunden in der Gruppenliga Ost für den Neuaufbau nicht mehr zur Verfügung. Torjäger Dalmeida ist zum Hessenliga-Aufsteiger SC Waldgirmes gewechselt, McCrary und Mladenovic zu Meister Hessen Dreieich. Abwehrchef Sven Kunisch zieht es zu Rot-Weiß Hadamar, während Kevin Hillmann zu Borussia Fulda geht. Hertrich und Ahouandyinou gehen nach Bruchköbel in die Verbandsliga Süd, um nur einige Beispiele zu nennen. Neuer und alter Cheftrainer ist Thomas Marton, der auf sein altes Gruppenliga-Team als Basis plus der wenigen verbliebenen Hessenliga-Spieler bauen kann.

Ausblick auf die kommende Saison

Mit 51 Punkten und 16 Siegen von 32 Spielen belegte Seligenstadt II einen beachtlichen siebten Tabellenplatz. Da das bisherige Reserveteam nun als "Erste" firmiert und zwei, drei, vielleicht sogar vier Spieler aus dem Hessenliga-Kader dem Klub erhalten bleiben, sind die Sportfreunde ein Kandidat für eine Platzierung im oberen Drittel. Die Zuschauerzahlen könnten angesichts der vielen Kreis-Derbys gegen Rodgau, Obertshausen, Klein-Krotzenburg, Dietzenbach, Rosenhöhe, Steinheim und Langen sogar etwas steigen. Auch die Kontrahenten aus dem Hanauer Kreis liegen nicht weit entfernt, was viele interessante Duelle mit sich bringt. Mittelfristig plant der Verein zumindest den Aufstieg in die Verbandsliga Süd an. Als zusätzliches Bonbon starten die Seligenstädter wieder im lukrativen Hessenpokal-Wettbewerb und können hier auf einen attraktiven Gegner wie Kickers Offenbach, den FSV Frankfurt oder den SV Wehen Wiesbaden hoffen.

Autor: Pedro Acebes